Ich erinnere mich in meiner Kindheit und Jugend an heisse Kämpfe. Dauernd geschah etwas, was Eltern, Lehrer oder Freunde verurteilenswürdig fanden. Aber Schuld sein wollte niemand. Ich auch nicht, Gott bewahre! Auch, wenn es mir heute nicht mehr darum geht, WER schuld sein soll und sehe, dass es meist gar keinen „Schuldigen“ braucht; oder wenn überhaupt – jeder sein Stückchen davon erkennen kann (wenn er bereit ist dazu) – Schuld bekommen möchte ich immer noch nicht soo furchtbar gern.

Heute habe ich einen Artikel zum Thema SCHULD von Eva Nitschinger (Psychologin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Trainerin für The Work von Byron Katie) für Euch:

„Du bist schuld!“

 

Wie oft haben wir das schon gehört in unserem Leben?
Wie fühlen wir uns, wenn das jemand zu uns sagt?
Welche Mechanismen werden in Gang gesetzt, wenn dieser Satz fällt?

Schuld zu sein, ist für viele von uns „ganz normal“. Von klein auf wurde uns gesagt, dass wir schuld an diesem oder jenem wären. Je nach Sachlage war es eine Schuld an Verlusten eher materieller Dinge oder an emotionalen Werten. 

  • Du bist schuld, dass wir so wenig Geld haben
  • Du bist selbst schuld, dass du jetzt in der Scheiße sitzt, hättest du auf mich gehört
  • Du bist schuld, dass ich diese Probleme auf der Arbeit habe
  • Du bist schuld, dass es mir so schlecht geht
  • Wegen dir hat sich XY von mir getrennt
  • Wegen dir weine ich jetzt / leide ich jetzt / bin ich krank / sterbe ich

Wenn wir geboren werden, gibt es keine Schuld. Babys nehmen, fordern, äußern Bedürfnisse, um zu überleben. Es steckt niemals eine „böse“ Absicht dahinter! 

Unsere Mütter, unsere Väter haben oft selbst all diese Sätze, die sie uns sag(t)en, von ihren Eltern gehört und geben sie unreflektiert weiter, oder haben ihr Herz zugemacht, weil ein Schmerz darin verschlossen ist, und wehren ihre Kinder mit Schuldzuweisungen ab, um nicht fühlen zu müssen.

Oft ist uns gar nicht klar, wie „schuldig“ wir uns fühlen, wenn wir das erste Mal in ein Coaching gehen oder eine Psychotherapie beginnen. Manchmal verwechseln meine Klienten dieses Gefühl mit Angst oder Hunger, andere erwähnen es gar nicht, weil sie denken, dass es ja die Realität / die absolute Wahrheit / ein FAKT ist, dass sie schuld sind.

 

Wann kommt die „Schuld“ denn eigentlich in unser Leben?

 

Erik Erikson, einer der bekanntesten Psychoanalytiker des letzten Jahrhunderts, hat das Eintreten des Schuldgefühls in unser Leben in den Zeitraum zwischen dem 4. und dem 6. Lebensjahr gelegt. 

Wir sagen etwas, das sich so wahr und richtig anfühlt, doch die Folge ist, dass Mama stunden- oder gar tagelang nicht mehr mit uns redet. Wir fragen nach, was denn los ist: „Mama, ….?“ … Doch sie wehrt uns ab. 

Wir tun etwas, das unserem Entdeckungsdrang voll und ganz entspricht – öffnen zum Beispiel einen Schrank mit einem Ruck, weil wir helfen wollen, den Tisch zu decken, und die Gläser fallen heraus und zerbrechen in tausend Stücke – und werden dafür mit einem bösen Blick bestraft und ins Zimmer geschickt.

Eine meiner Klientinnen mit Bulimie, ich nenne sie Ursula, erzählte mir, dass ihr Vater sie als kleines Kind, mehrfach ermahnte: „wenn du solche Sachen sagst, dann wird deine Mama Krebs bekommen und sterben. Du darfst Mama solche Sachen nicht sagen!“

Ursula hatte ihre Mama als Kind öfters gebeten, sie zum Spielplatz zu begleiten. Ursula hatte sich gewünscht, dass die Mama sie abends zu Bett bringt, weil sie Angst alleine im Dunkeln hatte. Ursula wollte, dass die Mama sie in den Kindergarten hineinbringt, und sie nicht einfach vor der Türe aus dem Auto steigen lässt.

Die Mama begründete ihr Verhalten mit Sätzen wie diesen: „Ich habe schon zwei Jahre wegen dir verloren, jetzt will ich endlich Karriere machen und da muss ich pünktlich sein. Das verstehst du sicher, oder? Nimm doch mal Rücksicht auf MICH!“ 

Ursula lernte damals: „Wenn ich etwas will, mache ich mich schuldig. Wenn es Mama schlecht geht, bin ich schuld. Wenn ich fordere, geht es Mama schlecht. Ich bin schuld, weil ich so viel will. Ohne mich ginge es Mama besser. Ich bin schuld, weil ich da bin.“ 

Mit The Work von Byron Katie können wir wunderbar aus dieser Schuldrolle herausfinden, indem wir durch die Antworten, die aus uns selbst auftauchen, immer mehr und mehr „wir selbst“ werden und beginnen, zu dem zu stehen, was wir sagen und fühlen. 

Wir können die anderen mehr und mehr lassen und ihnen unsere Liebe geben, wenn sie solche schmerzlichen Dinge zu uns sagen, denn wir wissen, dass es SIE schmerzt und die Worte mit uns meistens gar nichts zu tun haben.

 

Was können wir konkret tun, wenn wir uns schuldig fühlen?

 

Wir können beginnen, die Gedanken zu überprüfen, die uns sagen: 

„Du bist schuld, weil ….!“
Wir überprüfen den Gedanken / den Glaubenssatz HINTER dem „Weil“, nicht das Gefühl selbst. 

Was bringt uns eine Überprüfung unserer Gedanken?
Wenn wir erkennen, dass unsere Gedanken nicht wahr sind, sind wir frei!

Ursula hat vor vier Jahren damit begonnen, The Work zu machen und eine der „Works“ war folgende, die ich gerne mit euch teilen möchte. Sie ist von Ursula und könnte genauso gut von uns anderen sein, sobald wir bemerken, dass wir tiefe Schuld in uns fühlen und denken, dass wir niemals frei davon werden können, weil es zu uns gehört… 

„Ich bin schuld, dass es Mama schlecht geht“. 

  1. Ist das wahr?
    Antworte hier bitte immer nur mit JA oder NEIN und lass dir alle Zeit der Welt, um zu einer dieser Antworten zu kommen. The Work ist eine Meditation! 
  2. Kann ich mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?
    Antworte wieder, wie bei Frage 1, NUR mit den Worten: JA oder NEIN.
  3. Wie reagiere ich, wenn ich diesen Gedanken glaube? 

Hier entdeckt Ursula, dass sie sich selbst klein macht, sich nicht traut, ihre Bedürfnisse klar zu äußern; dass sie zurückhält, worum es ihr geht; dass sie sich selbst überfordert und es der Mama recht machen will. Sie darf herausfinden, dass sie seit 45 Jahren versucht, der Mama „nah zu sein“ und alles Mögliche dafür tut, und dadurch immer mehr und mehr in die Abhängigkeit von Mamas Liebe kommt und in den Schmerz, weil es nicht klappt, Kontakt zur Mama zu bekommen.

Sie darf ihre Süchte und Zwänge erkennen, die entstehen, weil sie ihre Gefühle wegdrückt, anstatt sie zu zeigen, und sie wird herausfinden, was im Leben sie NICHT macht, aus Angst, ihre Mama zu verärgern oder gar zum Kontaktabbruch zu bringen.

4: Wer wärst du ohne diesen Gedanken?

Hier wird Ursula offener, atmet freier durch. Eine Erleichterung stellt sich ein. Sie erkennt, dass sie NICHT schuld daran ist, dass es Mama schlecht geht, denn sie war ja „nur“ das Kind. Unschuldig, offen, herzlich und neugierig. Ein Wesen, das man im Grunde nur lieben kann!

Ursula erkennt weiter, dass sie schon mit 5 „die Große, Selbständige“ in ihrer Familie war und die „Kleine“, das Kind, verleugnet hat. 

Mama hätte die „Große“, die Erwachsene, sein sollen, aber das war meist nicht so, da die Mutter sich überfordert und schwach gefühlt hat in der Mutterrolle. Sie bekam auch selten Umarmungen oder hörte freundliche Worte von ihrer Mutter.

 … die Rollen dürfen jetzt klarer werden, wenn Ursula klarer wird und beginnt, der Mutter auf Augenhöhe zu begegnen. Ursula darf durch die Arbeit mit The Work erwachsen werden und die Liebe, die sie fühlt, fließen und strömen lassen. Vor allem für sich selbst, aber auch für ihre Mutter. 

Die Bulimie wurde von ihr, wie von so vielen meiner Klientinnen, im Laufe der Arbeit als „Notventil“ und als „optimal funktionierender Stressabbau“ gesehen und als „Freundin“ erkannt, die geholfen hat, diese schweren Zeiten zu überleben.

 

Kehre den Gedanken um: 

 

Ursula findet bei den Umkehrungen heraus, warum sie sich all die Jahre über immer wieder selbst so schlechtgemacht hat, warum sie sich selbst verwehrt hat, bedürftig zu sein, und warum sie schon so früh „eine Große“ sein wollte, die alles alleine kann. Sie kann ihren „narzisstischen“ Anteil finden, der es mochte, erwachsen zu sein und auch ohne Mama gut klarzukommen.

Als „Living Turnaround“ – als gelebte Umkehrung im Alltag – beginnt Ursula jetzt, sich selbst so zu behandeln, wie sie als Kind gerne von ihrer Mama behandelt worden wäre. 

Mit Hilfe von The Work übernehmen wir selbst die Elternrolle für unser „Inneres Kind“ und beginnen, uns selbst die Liebe zu geben, die wir uns immer schon von unserer Mutter und unserem Vater gewünscht haben. 

„Schuld“ macht klein, drückt herunter, macht abhängig und unfrei. Vielleicht ist sie zu diesem Zweck von der Kirche erfunden worden: um Menschen gefügig zu machen. Dafür ist sie gut, die Schuld. Ansonsten brauchen wir sie nicht!

 

Wie lebt man, wenn es das Konzept „Schuld“ gar nicht mehr in unserem Leben gibt?

 

Frei! 😊

Wir leben FREI, wenn es das Konzept „Schuld“ in unserem Leben nicht gibt. Wir dürfen erkennen, dass wir kein „mich schuldig fühlen“ brauchen, um fair, freundlich und menschlich zu sein. 

Wir fügen niemandem Leid zu, wenn wir unser Herz offen haben und aus der Liebe heraus handeln. Wir geben in jedem Moment unser Bestes und tun, was wir tun, wenn wir frei werden von unseren Gedanken. Denn nur unsere Gedanken bestimmen unser Handeln. Wir glauben, etwas tun zu müssen, und deswegen tun wir es.

Wie sollte es da „Schuld“ geben? 

Niemand hat je etwas getan, was ihn „schuldig“ macht. 

In meinen Familienaufstellungen und Coachings, wie auch in den Therapiesitzungen mit vielen KlientInnen, darf ich immer wieder Neues lernen, darüber, weshalb Menschen tun, was sie tun. Zuerst denke ich manchmal: Wow, wie konnte sie / er nur???

Nachdem klar wird, welche Gedanken in der Situation da waren, wird mir klar: Wenn ich diese Gedanken glauben würde, wenn ich aus dieser Familienstruktur herausgekommen wäre, würde ich dasselbe tun wie sie / er. Das bringt: Unschuld! 😊

Ich fühle immer öfter Unschuld und sehe immer öfter Unschuld in der Welt. Jeder und jede von uns tut in jeder Sekunde das, was er / sie tun muss. Nichts passiert „nur so“. 

Das Thema „Schuld“ bindet, das Thema „Schuld“ bringt Schwere in das Geschehen, das Thema „Schuld“ macht aus Menschen: Täter, Opfer und Retter. Ohne dieses Thema sind wir frei davon. Es gibt keine Täter, keine Opfer, keine Retter mehr. Nur mehr Menschen, die tun, was sie tun! 

Wir können erkennen, was wir jetzt gerne anders machen möchten, und jetzt können wir damit beginnen, unser Leben so zu leben, wie wir es für richtig und gut befinden. 

 

Was bringt uns dieser Weg mit The Work?

 

  • Wir werden achtsamer. 
  • Wir reflektieren über das, was geschehen ist. 
  • Wir probieren neue Dinge aus, wenn alte ins Leid geführt haben. 

In meiner Facebook-Gruppe Mit Selbstliebe zum Erfolg ❤ geht es derzeit oft um das Thema „Schuld“ aber auch um alle anderen „Dinge“, die uns Probleme mit der Selbstliebe machen.

Wenn du magst, besuche uns dort und lerne auch gerne über mich The Work besser kennen, um auch an die Überprüfung von „Ich-Sätzen“ herangehen zu können.

Hier findest du die Gruppe: https://www.facebook.com/groups/mitselbstliebezumerfolg/
Oder höre doch in meinen Podcast rein, der am 01. Mai gestartet ist.

Herzlichst, Eva ❤
Psychologin, Heilpraktikerin für Psychotherapie & Coach

Schreibt mir gern wieder Eure Erfahrungen oder Fragen zum Thema Schuld in das Kommentarfeld!
Eva und ich antworten! 🙂

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Über Ina Rudolph

Zwanzig Jahre hat sie als Schauspielerin gearbeitet, dann lernte sie THE WORK kennen und lieben. Sie schreibt Bücher darüber, gibt Seminare, und hilft Menschen in Einzelsitzungen, bessere Perspektiven zu sehen als Kummer und Schmerz. Wenn Sie mehr wissen wollen, schreiben Sie doch eine Nachricht über das Kontaktformular.

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