Vor ein paar Tagen treffe ich einen Bekannten an der Kasse im Supermarkt.
„Na, machst noch Leute glücklich?“ meint er und grinst schief.

„Jo“, sage ich, „und mich auch. Echt, ich merke immer wieder wie glücklich es mich macht,
wenn ich dazu beitragen kann, das andere sich freier fühlen,
nicht so belastet herumlaufen und sich dauernd streiten müssen.“

„Hm, ja. Das ist sicher schön.“

Ich schaue ihn an. „Aber hör mal – Du siehst grad nicht so glücklich aus.“

„Nee“, sagt er, „nervt grad alles.“

Ich lege meinen Einkauf aufs Band.

„Und außerdem“- er holt tief Luft, „das ewige glücklich sein müssen geht mir auch ziemlich auf den Zeiger.
Kann ich mich nicht einfach mal hängen lassen? Wieso ist das nicht mehr in Ordnung?
Alle wollen immer, dass ich glücklich sein soll. Das nervt.“

„Ja“, frage ich, „wieso lässt Du Dich denn nicht einfach mal hängen?“
und bin dran mit bezahlen.

Er sieht erstaunt zu mir herüber. Als hätte er mit so einer Frage nicht gerechnet.

„Na Mensch, wenn ich mich hängen lasse, dann heißt das ja, dass ich unglücklich bin.
Das will ich nun auch wieder nicht.“

Ich stecke meine Einkäufe in meinen Beutel und sage:
„Das klingt, als würde sich das zerrissen anfühlen…“

Nun bezahlt er. „Ja, das ist ja das blöde…“

Ich warte mit meinen Einkäufen, wir gehen vor die Tür.

„Hast Du dazu nicht eine Idee? Du bist doch Coach?“ fragt er.

Stress mit dem glücklich sein müssen

Ich liebe das, so direkt gefragt zu werden.
Und ich liebe es, in mich hinein zu horchen, in meinen eigenen Erfahrungen zu stöbern.
Habe ich so etwas ähnliches schon selber erlebt?
Ist mir so ein Thema schon in meinen Sitzungen unter gekommen?
Stress mit dem glücklich sein müssen?
„Ja, hab ich“, sage ich. „Willst Du’s hören?“

„Klar.“

„Also, Du hast das Bedürfnis, Dich hängen zu lassen. Stimmt’s?“

Er nickt.

„Solange Du Dich nur hängen lassen möchtest, Dir das aber nicht erlaubst,
lässt Du Dich entweder gar nicht hängen, oder mit einem schlechten Gewissen hängen.
Und das ist nicht das, was Du wolltest, oder? So erfüllst Du Dir Dein Bedürfnis nicht.“

„Genau.“

„Das hat aber mit dem Druck der Gesellschaft, glücklich sein zu müssen, gar nichts zu tun.
Könnte es nicht sein, dass es Dich ganz simpel unglücklich macht, dass Du Dir Dein Bedürfnis nicht erfüllst?
Wenn Du beim Dich-hängen-lassen gar nicht an glücklich sein oder unglücklich sein denken würdest –
wie könntest Du Dich dann hängen lassen?“

Er lachte. „Das ist irgendwie um die Ecke… aber vielleicht um die richtige Ecke.
Also, wenn das nichts mit glücklich sein oder unglücklich sein zu tun hätte und auch nicht mit der Gesellschaft
im Allgemeinen und Besonderen, dann würde ich einfach schauen, wie ich mir mein Bedürfnis erfüllen kann.

„Ok“, sage ich. „Und wie wäre das?“

„Na cool wäre das. Dann würde ich mich mal so richtig schön hängen lassen. Heute Abend zum Beispiel.
Einfach mal vor die Glotze hängen, Bierchen aufmachen und abhängen bis ich müde werde.
Das habe ich seeehr lange nicht gemacht.“

Er lies seinen Blick über den Parkplatz schweifen. „Und weist Du was?
Wieso eigentlich nicht? Ja! Das mache ich! Hast Du noch zwei Minütchen?“
fragte er und stellt schon seine Einkaufstasche ab. Ich nicke.
„Bin gleich wieder da“. Dann flitzt er in den Eingang vom Supermarkt.

Da stehe ich mit meinen Einkäufen und mit seinen. Und mir fällt auf,
dass ich das auch lange nicht gemacht habe. Ich liebe es, produktiv zu sein, Bücher zu lesen,
Bücher zu schreiben, zu zeichnen oder mit meinem Kind draußen herum zu stromern.
Irgendwie bleibt immer wenig Zeit zum gepflegten abhängen.
Den stressigen Glaubenssatz, den mein Bekannter hat, glaube ich allerdings nicht.
Im Grunde hat er so etwas geglaubt wie:

Wenn ich das Bedürfnis habe, mich hängen zu lassen, dann zeugt das davon,
dass ich gerade nicht glücklich sein kann.

Vielleicht hat er ein Konzept im Kopf, Bilder und Ideen, wie glücklich sein aussieht.
Was Leute, die glücklich sind, so tun. Eine Art Werbeplakat, wo alle aus vollem Halse lachen,
sich an den Händen halten und in sportiver heller Kleidung über eine satte Rasenfläche hüpfen.

stressige Konzepte überprüfen

Plötzlich war er wieder da, außer Atem, mit zwei Bierflaschen in der Hand.
„Die haben mir noch gefehlt für den Abend heute“ japst er und meint,
dass es echt schön wäre, mich getroffen zu haben.

„Du siehst auch gar nicht mehr unglücklich aus“, sage ich lächelnd.

„Nö. Stimmt. Hat also vielleicht wirklich nichts mit der Gesellschaft zu tun.“
Er blinzelt. „Nur mit mir, oder?“

„Ich muss jetzt mal wieder“, sage ich, „ich wünsche Dir ein schönes Abhängen heute Abend!
Kann ich auch mal wieder gebrauchen…“ und zwinkere ihm zu.

„Alles klar“, sagt er und greift zu seiner Einkaufstasche. „Du meinst also, wenn ich mich voll und ganz
hängen lassen könnte, so richtig mit allem drum und dran, dann könnte das sogar schön sein?“
Er schaut hinter sich. „Naja, scheint so“, gab er sich selbst die Antwort.

Ohne Widerstand gegen das, was sowieso da ist

„Und mal angenommen“, sage ich und bleibe stehen, „Du wärest sogar unglücklich
und würdest Dir das erlauben…also so richtig erlauben… Dich volle Kanne hängen lassen,
wäre auch das das dann nicht auch viel weniger schlimm?“

Er sieht mich fragend an.

„Also für mich ist es so, dass es nicht schlimm ist, zum Beispiel, na sagen wir, traurig zu sein.
Es wird erst anstrengend, wenn ich das nicht haben will. Ohne Widerstand gegen die Traurigkeit
(die ja sowieso da ist) kann diese Traurigkeit sich sehr echt anfühlen.
Ganz nah bei mir, ehrlich, richtig. Vielleicht zeigt sie mir sogar etwas.“

„Hm, ja“, sagt er, „das stimmt. Das kenn ich auch.
Dann bin ich zwar unglücklich, aber nicht schlimm unglücklich.“

„Ja“, lache ich, „so könnte man das sagen. Oder auch: Ich bin traurig, aber damit nicht unglücklich.
Ich will mich mal ausruhen, mich hängen lassen und mache das einfach. Deswegen
bin ich aber nicht unglücklich. Ich bin vielleicht einfach matt, erschöpft oder was auch immer.“

„Verstehe, das ist besser. Das ist viel besser. Ohne Widerstand gegen das, was sowieso da ist.
Hab ich kapiert. Hey, danke Du Coach. Und wenn ich Dir mal helfen kann, sag Bescheid, ja?“

„Ja“, rufe ich schon im Gehen, „komme ich gern drauf zurück!“
und gehe rundrum glücklich und an meine Arbeit.
Nö, echtes glücklich sein geht mir nicht auf den Zeiger.
Dir vielleicht?

🙂

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Über Ina Rudolph

Zwanzig Jahre hat sie als Schauspielerin gearbeitet, dann lernte sie THE WORK kennen und lieben. Sie schreibt Bücher darüber, gibt Seminare, und hilft Menschen in Einzelsitzungen, bessere Perspektiven zu sehen als Kummer und Schmerz. Wenn Sie mehr wissen wollen, schreiben Sie doch eine Nachricht über das Kontaktformular.

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