Neulich war ich Bergwandern.

Ja, richtig mit Ausrüstung, Rucksack und eigens dafür angeschafften Wanderschuhen.
Aus dem Tal haben wir uns hoch gearbeitet bis zur Baumgrenze. Dann fing es zu regnen an.
Ohne Murren und Knurren sind wir weiter gegangen. Wir haben den Regen sogar genossen.
Aber das ist es natürlich nicht, was ich Euch wirklich erzählen möchte, sondern:

Auf 2450m hatten wir eine Kammer in einer Berghütte gemietet
und wollten pünktlich zum Abendessen dort sein.

Mit den gefühlt letzten Kräften kam ich dort an.
(‚Mit letzter Kraft‘ – ist das wahr?
Wenn ich noch weiter gemusst hätte, wäre es sicher auch noch weiter gegangen)

Unglaublich froh, oben angelangt zu sein, winkte ich allem zu, was sich bewegte.
Einem Hund, den anderen Gästen und auch Männern und Frauen, die scheinbar zur Hütte gehörten.
Aber auch das möchte ich Euch gar nicht so dringend erzählen, sondern:

Einige Leute winkten zurück, andere nicht. Einige lächelten freundlich, andere nicht.
Noch machte ich mir keine Gedanken darüber, denn zuallererst wollte ich mir die Schuhe
von den Füssen reißen, das Ausmaß der Blasen begutachten
und mich dann unter die Trinkwasserquelle hängen.

Beim Abendessen kam ich dann doch dazu. Frisch geduscht, getränkt und verpflastert
saßen wir grinsend beim Bier, warteten in der Gaststube auf die angekündigten Nudeln
und wieder gab es Leute, die uns freundlich zulächelten und bereit waren, ein paar Worte zu wechseln.
Und es gab auch die, die sich wortkarg wegdrehten, nicht zurück lächelten oder auch einfach
gar nicht reagierten. Da ich bei der ersten Gruppe gedacht hatte, dass sie „freundlich“ gewesen waren,
gelächelt oder reagiert hatten, fiel mir auf, dass die anderen im Gegenzug ja dann „unfreundlich“
sein müssten. Weiterhin fiel mir auf, dass ich vor ein paar Jahren noch
oft in solchen Klassifizierungen gedacht hatte.

Heute saß ich hungrig in der Hütte und freute mich über diejenigen, die mir
mit einem Lächeln begegneten. Die anderen konnte ich ansehen ohne „unfreundlich“ zu denken.

Wie  kam  es  dazu?

Immer, wenn ich bisher so ein Urteil über jmd. gefällt hatte, gedacht hatte: ‚was für unfreundliche Menschen‘,
wie doof, wie blöd, wie egoistisch, wie steif, wie verbohrt und so weiter, hatte ich mich selbst
nicht wohl gefühlt. So eine Sicht der Dinge lässt mich den anderen verurteilen,
es trennt mich von dem anderen Menschenwesen, und innerlich schüttle ich den Kopf
oder rege mich auf. Wenn ich verurteile, geht es MIR nicht gut.

Das hatte ich durch die Arbeit mit The Work herausgefunden und ich wollte natürlich,
dass es mir gut geht. Wer möchte das nicht?
Schon das alleine wäre ein Grund, mein Denken über unfreundliche Menschen aufzugeben.

Aber kam es dann mal zu einem Kontakt mit einem „Verurteilten“, einem kleinen Wortwechsel,
habe ich erfahren, warum derjenige so ein Gesicht gezogen hatte. Warum er nicht geantwortet hatte,
vielleicht sogar etwas doofes gesagt hatte, rotzig oder ablehnend gewirkt hatte.
lmmer, wirklich immer, hatte es dafür Gründe gegeben.
Menschen waren gereizt; hatten Schmerzen, mit denen sie nicht zurecht kamen;
oder Probleme mit den Eltern, Kindern, Partnern, Freunden, dem Finanzamt oder dem Polizeipräsidenten.
Oder sie waren einfach müde, genervt, abgegessen, überfordert, unterzuckert oder hatten ihrerseits
irgendwelche Vorurteile, wenn sie mich erblickten. Mag sein, dass ich sie an ihre Mutter erinnerte
oder an die Ex, oder an die verhasste Klassenlehrerin aus der Schulzeit.
Mannigfaltige Möglichkeiten, die alle nichts mit mir zu tun haben.

Eine Möglichkeit, diese Menschen zu sehen, wäre:

Das  sind  unfreundliche  Menschen

Diese Interpretation macht mir selber aber kein gutes Gefühl.

In der Arbeit mit THE WORK prüfen wir immer, ob das Gegenteil von etwas, das mir Stress bereitet,
nicht auch wahr sein könnte. In diesem Fall:

Das  sind  freundliche  Menschen

Das ist eine andere Möglichkeit, diese Menschen zu sehen.
Sie sind nicht gemein, gehässig, unfreundlich oder böse – sie haben lediglich ihre eigenen Baustellen.
Dinge, mit denen sie nicht klarkommen, die ihnen gerade zu viel sind,
die sie nicht bewältigen können. Im Grunde freundliche Menschen,
die auf irgendeine Weise versuchen, klar zu kommen.
Und diese Weise sieht in meinen Augen nicht immer freundlich aus.

(Bin ich freundlich, wenn ich an diese Menschen das Etikett ‚unfreundliche Menschen‘ hefte?)
Ich hatte meine Gründe, diese Leute unfreundlich zu finden.
Und sie hatten ihre Gründe, warum sie waren, wie sie waren.

Heute ist es mir nicht mehr wichtig, zu wissen, welche Gründe es jeweils sind, die zu dem führen,
was ich als unfreundliches Verhalten interpretieren könnte. Es reicht mir zu wissen, es gibt sie.
Und würde ich sie erfahren, hätte ich Verständnis. Wenn nicht sogar Mitgefühl.

Das heißt nicht, dass ich mit jemandem, der gerade schlechte Laune hat, den ganzen Tag verbringen muss.
Ich kann mich immer noch anders entscheiden. Es ist mein Leben. Und wenn ich nicht mehr denke:
‚unfreundliche Menschen‘, geht es mir wesentlich besser mit dem, wie Menschen so sind.

Lies hier, wie THE WORK funktioniert

 

Wenn Du magst, probier das mal aus:

Nimm Dir ein Minütchen und begib Dich gedanklich in Deine Vergangenheit.
Suche nach unfreundlichen Menschen. Nach Begegnungen mit Leuten,
die Du als unfreundlich empfunden hast.
Such Dir eine konkrete Situation aus und spür mal, wie sich das für Dich angefühlt hat,
in dem Moment, wo Du dachtest: Wie unfreundlich!

Dein Glaubenssatz: XY ist unfreundlich

Kannst Du das wirklich ganz sicher wissen? Schau Dir die Person einmal genau an.
Lass Dir ein bisschen Zeit.
Kannst Du sicher sein, dass dieser Mensch zu den unfreundlichen Menschen gehört?

Und wer wärest Du, wenn Du in dem Moment nicht denken könntest:
XY ist unfreundlich
?
Was wäre der andere, wenn Du das Etikett ‚unfreundlich‘ nicht vergeben könntest?

Sieh diesen Menschen vor Deinem inneren Auge und beobachte ihn,
als hätte er/sie nichts mit Dir zu tun.
Schau in deiner Erinnerung genau hin: Was siehst Du? Womit schlägt dieser Mensch sich herum?
Welche Schwierigkeiten plagen ihn/sie, dass er/sie sich so verhält, wie er/sie sich verhält?
Welche weiteren Interpretationen wären noch zulässig?

Und wie fühlt es sich an, denjenigen freundlich zu betrachten?
Wenn Du selbst eine freundliche Betrachtungsweise möglich machst?
Bist Du nicht auch selber unfreundlich, wenn Du den anderen verurteilst?
(Egal, was der andere gerade tut)

Bitte bleib in Deiner Situation, in Deinem Leben, da, wo Du Dich über unfreundliche Menschen ärgerst.
Ab & zu passiert es, dass jemand, der neu bei der Work ist, gerade anfängt,
eine neue Sichtweise zu entwickeln und dann sagt:
„Ja, aber…“ „Ja, aber, was ist denn mit allen den Kriegsverbrechern, Mörder und Tierquälern?
Sind das auch alles freundliche Menschen?“

In uns allen steckt Freundlichkeit und die können wir am Besten aktivieren und genießen,
wenn wir auf andere einen freundlichen Blick werfen. So gut und so freundlich, wie es eben geht.
Und dabei nicht vergessen: Auch Du bist ein Mensch und darfst Dich freundlich betrachten 🙂

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Über Ina Rudolph

Zwanzig Jahre hat sie als Schauspielerin gearbeitet, dann lernte sie THE WORK kennen und lieben. Sie schreibt Bücher darüber, gibt Seminare, und hilft Menschen in Einzelsitzungen, bessere Perspektiven zu sehen als Kummer und Schmerz. Wenn Sie mehr wissen wollen, schreiben Sie doch eine Nachricht über das Kontaktformular.

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